Lappland 2016 – Teil 2

Wir lassen uns von felsigen Wegen nicht entmutigen und nehmen eine andere Route zurück zum Kungsleden. Dort erwarten uns Massen von Menschen.

4. August 2016 – Tag 9

Mittlerweile habe ich gar kein Zeitgefühl. Ich kann nicht sagen, welchen Wochentag oder welches Datum wir haben – nicht mal, wie lange wir unterwegs sind. Und da wir die Sonne selten sehen, muss ich wegen der Uhrzeit auf die Uhr schauen. Wobei das auch hier keine Rolle spielt.
Um 4 Uhr morgens werde ich wach. Mein Schlafsack ist von innen und außen komplett nass. Das Innenzelt klebt an meiner Wange, ebenfalls nass. Seit Stunden haben wir keinen Wind, die Luft scheint still zu stehen. Und die ganze Luftfeuchtigkeit sammelt sich im Zelt. Zum Glück ist es warm.

Nach dem Frühstück ist waschen angesagt. Der Gletschersee lädt dazu förmlich ein. Da wir keinen Wind haben und die Sonne manchmal rausschaut, nutze ich die Gelegenheit. Komplett einzutauchen traue ich mich nicht, aber hier oben in völliger Einsamkeit nackig vor dem Gletscher zu hocken, das ist schon ein Erlebnis. Nach dem Kälteschock ist es sogar angenehm. Und sauber bin ich auch noch.
Nat ist völlig am Ende, sie hat schlecht geschlafen und legt sich nochmal für eine Stunde hin. Meinem Beispiel folgend stapft sie anschließend mit einem Handtuch unter dem Arm zum See.

Janne am Fluss

Als wir unseren Lieblingsplatz verlassen lässt sich die Sonne blicken und wärmt. Ein völlig unbekanntes Gefühl!

Spiegel II

Nallu #2

Nat

Ich kann im T-Shirt laufen. Nach den ganzen gestrigen Strapazen haben wir heute einen angenehmen Tag vor uns. Durch die Sonne nehmen wir die Landschaft nochmal neu wahr.
Wir erreichen einen Wanderweg und schließlich den See, den ich oben gesehen habe.

Pause am See

Die Steine der letzten Tage waren so anstrengend, dass uns der momentane Weg wie ein Spaziergang vorkommt. Wir treffen zwar einige Wanderer aber sonst gehört die Landschaft uns.

im Tal

Kurz vor 19:00 haben wir einen Platz mit 360°-Aussicht. Zur Linken ist irgendwo der Kungsleden, zur Rechten das heutige Tal mit Nallo im Hintergrund. Im Rücken habe ich die Sonne.

Nallo ganz hinten

5. August 2016 – Tag 10

In der Nacht regnet und stürmt es extrem. Ich werde stündlich wach, weil ich ständig zu Nat rüberrolle. Eine furchtbare Nacht. Als ich endgültig wach werde, habe ich das Gefühl in einer Sauna zu sein. Es ist verdammt heiß. Es ist ein wunderschöner Morgen. Nat kommt ebenfalls raus und so stehen wir nur in Schlüpfern bekleidet vor dem Zelt. Während Nat wieder in den Schlafsack krabbelt, wasche ich meine Klamotten und lese in der Sonne.

Janne am Zelt

Als wir Mittags aufbrechen, wechseln sich Sonne und Wolken ab. Kurz der der nächsten Hütte (Salkastugorna) fängt es an zu nieseln. Die Hütte markiert den südlichsten Punkt unserer Wanderung. Hier sind wir wieder auf dem Kungsleden – wir wollen nur kurz bleiben und ins dann querfeldein gen Westen schlagen. Das ist zumindest der momentane Plan.
Wir kaufen ein – es gibt keine Schokolade! – und trinken Kaffee.

Hier endet unsere Einsamkeit. In den nächsten drei Tagen werden wir Massen von Menschen sehen: Heute beginnt der Fjällraven Classic. Über 100km werden in unter 24 Stunden gerannt. Und so kommen ständig Läuferinnen und Läufer angerannt. Der Kungsleden ist voll. Da wir nun zurück laufen, kommen aus entgegengesetzter Richtung Wanderer aus dem Norden. Nach den letzten Tagen der Ruhe und Einsamkeit mit extrem wenig Menschen ist das sehr ernüchternd.

Nat auf Brücke

Nach einer Stärkung an der Hütte brechen wir auf. Von hinten die Läufer, von vorn die Wanderer. Es schüttet zwischendurch ordentlich, wir wollen so schnell wie möglich viel Weg hinter uns bringen. Schließlich hört der Regen auf, die Sonne kommt raus, und das Tal erstrahlt. Schön hier.

das liegt hinter uns
Sonne scheint

Es geht auf den höchsten Punkt des Kungsleden zu. Vor dem Aufstieg machen wir eine Pause in der Sonne. Nat futtert fast allein eine 800kcal-Portion. Dann ist sie fit für den Aufstieg.

gestärkt

Und der hat es in sich. Fast senkrechte Wände wollen erklommen werden. Wie zwei kleine Schildkröten schleppen wir uns hoch – auf allen Vieren. Oben angekommen finden wir einen grandiosen Platz. Über dem Tal. Im Gras. Die Sonne geht unter. Traumhaft. Allerdings habe ich die tolle Idee, weiter zu laufen und einen Cache mitzunehmen. Laut Karte kann man dort auch zelten. Wir verlassen diesen wunderschönen Platz und stapfen weiter. Oben angekommen finden wir eine Hütte. Die Landschaft besteht aus Steinen und erinnert an eine Mondlandschaft. Nach langem Suchen finde ich eine Zeltmöglichkeit. Das einzige Trinkwasser befindet sich neben dem Klohaus und ist voller Viecher.

Zelt und Hütte in Mordor

Da fängt es an zu schütten und wir flüchten in die Hütte. Nach 15 Minuten können wir raus und das Zelt aufbauen. Hin und her. Ich hätte im Auenland zelten können, jetzt sind wir in Mordor. Drüben ist auch noch der Himmel schöner. Ich komme nicht darüber hinweg.

Mondlandschaft in Mordor

5. August 2016 – Tag 10

So schlimm der Ort ist, ich habe super geschlafen. Morgens schüttet es mehrfach – dann schaut die Sonne vorbei. Immer wieder sehen und hören wir Menschen. Letzteres stört besonders.

Mondlandschaft

Wir brechen auf und sind die einzigen, die nach Norden laufen. Dafür kommen uns Massen entgegen. Viele untrainierte, richtig fertige Menschen. Wir werden mehrfach gefragt, wann denn dieser furchtbar felsige Weg aufhört. Da muss sogar Nat lachen: „You don’t know hell!“. Nach den Felsen vor einigen Tagen hoch oben in den Bergen sind diese Wege hier, die meistens auch noch mit Brettern ausgelegt sind, ein Spaziergang für uns.

Nat auf dem Holzweg

Gegen Mittag treffen wir kaum noch Menschen. An einem Fjällraven-Checkpoint erfahren wir, dass die Läufer ihren Lauf beendet haben. Dafür kommen jetzt die Walker. Gruppen von Wanderern, die die Strecke mit Rucksack und Zelt laufen. Wir freuen und tierisch, dass noch mehr Menschen kommen und verlassen kurz darauf den Kungsleden. Wir laufen querfeldein durch wunderschöne Wiesenlandschaften.

Nat allein

Es ist recht stürmisch, aber es regnet nicht. Wir wollen einen Fluss im Westen überqueren und dann wieder ins Hochgebirge – evtl. sogar einen Abstecher nach Norwegen machen.

Wir laufen am Fluß entlang. Der ist breit, tief und reißend. Meistens sogar alles zusammen.

Nat am Fluß

Ich teste einen Übergang, schaffe es sogar heile auf die andere Seite. Allerdings ist das kein ungefährliches Unterfangen. Wir entscheiden uns gegen den Plan.

im Fluß

Stattdessen laufen wir parallel zum Kungsleden. Am Fluss finden wir eine einsame Möglichkeit zum Zelten. Es ist sehr kalt geworden. Nach den gestrigen Strapazen sind wir fertig. Nach dem Essen kommen Massen von Mücken, die sich nicht um das Mückenzeug kümmern. Das Netz schafft es, sie abzuhalten.

Janne mit Schutz

Um 19:00 Uhr liege ich im Schlafsack und schlafe.

7. August 2016 – Tag 12

Als ich endgültig die Augen aufschlage – ich höre Regentropfen – ist es 10:30 Uhr. Neuer Rekord!

Wir bleiben liegen, lesen, schlafen. Draußen ist es grau. Alles ist voller Wolken. Wo gestern noch weite Sicht herrschte, ist es heute diesig. Wir entscheiden uns für eine Pause und bleiben heute hier.

In der Ferne sehen wir viele schwarze Punkte auf dem Kungsleden. Eine Autobahn. Aber hier sind wir allein.

Ich nutze die Gelegenheit, um mich endlich wieder zu waschen. Es ist eine Wohltat, wenn die Ohren wieder sauber sind. Aber der Anfang ist natürlich furchtbar, so kalt.

Waschgang

8. August 2016 – Tag 13

Es stürmt. Das Zelt wird ordentlich durchgeschüttelt. Dazu regnet es – natürlich. Wir hoffen auf Besserung, denn eigentlich wollen wir heute weiter. Bisher ist es der stürmischste Tag. Was da für Kräfte auf das Zelt wirken müssen. Im Zelt ist es wohlig warm. Von einer Seite scheint die Sonne. Von der anderen regnet es. Doch das hört glücklicherweise auf, und wir nutzen die Gelegenheit. Auf zur Autobahn! Kolonnen von Wanderern ziehen von rechts nach links. Es fällt uns schwer, sich nicht davon beeinflussen zu lassen. Denn trotz Wetter und Massen von Menschen ist die Landschaft weiterhin ganz schön.

Wir kommen gut voran und sind nach knappen 1,5 Stunden in Alesjaure angekommen. Hier bleiben alle, denn hinter uns kommt ein Unwetter. Trotz der Menschenmassen können wir in der Hütte Essen kaufen. Unter anderem sind 600g Schokolade dabei. Für die letzte Woche sind wir gut ausgestattet.

Wir trinken Kaffee, essen Knäckebrot mit Salami. Ich werde rastlos, will weiter, habe eine furchtbare Laune – zumal draußen die Welt untergeht. Nat überredet mich, länger in der Hütte zu bleiben. Es ist die einzige vernünftige Entscheidung. Und so sitzen wir den Regen aus. Es ist gemütlich warm .. aber die Menschenmassen!

Es hört auf zu schütten und wir laufen los. Ca. 2km hinter Alesjaure verlassen wir endlich den Kungsleden und laufen den Prinsleden hoch in Richtung Una Alika. Sofort sind wir allein und treffen bis zum Abend nur eine einzige Wanderin. Zum Pass müssen wir ganz schön schuften. Es ist ein anstrengender Aufstieg. Zumal die Mücken mit uns mithalten.

Anti-Mücken-Behandlung

An einer schönen Stelle über Alesjaure stellen wir das Zelt auf. Vor 10 Tagen haben wir dort unten am Fluss gezeltet und sind dann auf der anderen Seite vom See nach Vistas gewandert. Gefühlt ist das Ewigkeiten her. Nach dem Essen bekommt jeder eine eigene Tafel Schokolade zum Nachtisch. Lecker.

Schlafplatz über Alesjaure
Über Alesjaure

Bevor ich ins Zelt hüpfe kommen die Wolken. Lange Klauen, die nach den Bergen greifen. Es sieht toll und gespenstisch aus. Als Nat später aus dem Zelt hüpft, ist das Tal verschwunden. Auch die Berge sind weg. Alles ist weiß.

Mit dem Nebel kommt der Regen. Wir liegen warm im Schlafsack, draußen ist es ungemütlich. Es regnet immer doller. Hinzu kommt der Wind. Wir haben das Gefühl bei einem Wind- und Regen-Wettbewerb dabei zu sein. Das Zelt hält zwar tapfer durch, aber wir machen uns schon Sorgen. Vor allem können wir nicht schlafen, weil es so laut ist. Mal regnet es von vorn, mal von hinten, mal sind es dicke Tropfen, mal ganz feine. Ohne Wind, mit Wind, Sturm ..

Erst gegen 4:00 Uhr morgens schlafe ich endgültig ein.

9. August 2016 – Tag 14

Um 9:00 Uhr gib es Kaffee. Es ist noch lange nicht still. Aber es lichtet sich. Frühstücken und warten. Es ist saukalt.

Tal im Regen

Mittags brechen wir auf. Es regnet (noch) nicht. Meine Füße bestehen aus Eisklötzen. Die Schuhe von Nat sind zusätzlich nass und eine Lasche reißt. Die Schuhe sind gerade mal zwei Wochen alt. Aus einem Stück Seil improvisiere ich eine Rettungslasche. Das muss reichen.

Wir laufen los und der Aufstieg wärmt ein wenig. Dennoch dauert es lange, bis die Füße richtig warm werden.

Von der Landschaft ist nicht viel zu sehen. Alles ist voller Wolken. Und dann sind wir mitten drin, im Nebel. Es fängt an zu nieseln und hört bis zum Abend nicht mehr auf. Der Weg ist zum Glück nicht anstrengend. Aber die Sichtweite beträgt wenige Meter. Heute kommt wohl zum ersten mal mein GPS zum Einsatz. Mitten im Nebel, so richtig in der Pampa treffen wir auf Wanderer.

Von nun an geht es bergab, die Sicht wird besser. Ich finde sogar einen Geocache. Doch die wunderbare Aussicht über die norwegischen Berge bleibt uns verwehrt. Dann geht es ordentlich bergab in ein Tal. Ein Fluss kreuzt unseren Weg. Völlig durchnässt und verfroren müssen wir die Schuhe ausziehen und den Fluss queren. Kälte und Regen setzen uns zu. Kurz hinter dem Fluss bauen wir das Zelt auf. Gute Entscheidung. Der Regen wird stärker. Gerade rechtzeitig verstecken wir uns im Zelt.

10. August 2016 – Tag 15

Zitat des heutigen Tages: „Es war ein schöner Tag!“ Ja! Und ein eiskalter dazu.

Zelt

Beim Aufwachen scheint die Sonne. Unglaublich. Nach dem gestrigen Sauwetter ist das eine willkommene Abwechslung. Die Nacht war eiskalt. Dazu war mein Schlafsack außen ziemlich feucht – innen war es dafür schön warm. Morgens scheint die Sonne und die Schattenseite vom Zelt ist voller Eis.

Wir ziehen los und werden beim Laufen warm. Wir erreichen ein Tal und dürfen heute die norwegischen Berge bewundern. Schneebedeckte Berggipfel. Das Tal unter uns ist zerklüftet und voller Seen.

Berge
Prinsleden
Nat vor Kulisse

Wir laufen durch tiefe Gräser an Flüssen und Seen vorbei.

Bretter
See

Hinter einem Hügel finden wir die Hütte Unna Allakasstugorna versteckt. Dort pausieren wir. Eine kleine Oase mit wunderschönem Ausblick. Wir loggen einen Cache und ziehen weiter. Es geht bergauf auf die andere Seite des Tals.

Nat klettert

Auch heute wird ein Fluss überquert, wobei das in der Sonne recht angenehm ist. Es ist so schön hier. Wir trinken Tee und klettern weiter. Auf einem Plateau finden wir einen See. Auf der anderen Seite stehen viele leere Hütten (Sjangelistugan).

Aussicht

Wir suchen einen Platz, der nicht einsehbar ist und bleiben heute hier. Die Sonne scheint, um uns herum Berggipfel. Wow.

Abendessen

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.