Grönland 2015 – Teil 1

Seit über einem Jahr nehme ich mir vor, den Reisebericht fertig zu schreiben. Einen Reisebericht für den bisher schönsten und aufregendsten Urlaub meines/unseres Lebens. Wir haben 28 Tage in Grönland verbracht. Den meisten Text habe ich aus meinem Reisetagebuch übernommen: Es handelt sich um Berichte, die live vor Ort meist am Ende eines Tages aufgeschrieben wurden. Einiges habe ich ergänzt, einiges weggelassen.

Der erste Teil der Reise besteht aus einer 15 tägigen Wanderung auf dem Arctic Circle Trail (ACT) zur Westküste Grönlands. Unseren Startpunkt habe ich auf der Karte markiert: Kangerlussuaq in Grönland.

Hier beginnt unsere Wanderung nach Sisimiut an der Westküste. Dort angekommen, ruhen wir uns zwei Tage aus und fahren mit dem Schiff nach Ilulissat im Norden. Fünf Tage in der kompletten Einsamkeit auf der Disko Insel mit Walen und Eisbergen bilden den Abschluss einer wunderbaren Reise.

Der Reisebericht

Der Reiseplan steht endgültig. Vor einer Woche habe ich die Überfahrt zur Disko Insel reserviert, nach dem Basti mich überzeugt hat, die Insel unbedingt zu besuchen. Übermorgen geht es los. 200km über dem Nordpolarkreis! Eisberge! Wale! Keine Menschen! Seit Ewigkeiten sind wir am planen, Ausrüstung besorgen, Nahrung machen, planen, einkaufen, planen etc. Alleine das Besorgen der Rucksäcke ist ein Kapitel für sich. Und auf einmal geht es los. Auch diesmal versuche ich so viel wie möglich aufzuschreiben. Ich bin so aufgeregt! Grönland, wir kommen.

Greenland 2015 - Arctic Cirlce Trail
Vorbereitungen

29. Juli 2015

Es geht erst/schon morgen los und ich bin so aufgeregt. Es kann ja so viel schief gehen. Meine größte Sorge ist, dass wir uns mit dem Essen verkalkuliert haben. Dann sind es die nächtlichen Temperaturen, die knapp über Null Grad Celsius liegen. Warme Schlafsäcke und Kleidung haben wir jedenfalls dabei. Dabei freue ich mich so, dass wir das machen. Natascha ist beim Reisen viel entspannter … wären da nicht die Flüge. Das kriegen wir schon alles hin und übermorgen um diese Zeit suchen wir unseren ersten Zeltplatz.

30. Juli 2015

Reisebericht
Reisebericht

Wir sind in Kopenhagen gut angekommen. Ich bin den ganzen morgen wegen der Fahrt aufgeregt. Meine Reisekrankheit. Natascha meditiert für den Flug. Dabei läuft alles so reibungslos. Wir müssen lediglich unsere Wanderschuhe beim Sicherheitscheck ausziehen. Der Flug selbst ist vorbei, bevor es so richtig losgehen kann: Start, Steigflug, Getränk, Landung. Fertig. Natascha lotst uns zum Hostel. Wir nehmen den Bus, der uns in die Innenstadt bringt. Leider ist unser Hostel an anderer Stelle. Wir lachen und nehmen den kleinen Umweg in Kauf. Im Hostel angekommen, werden die Betten bezogen und dann machen wir uns auf den Weg, etwas zu Essen zu finden. Das Haus ist von Wiesen und Natur umgeben, ein Golfplatz ist in der Nähe. Tolle Gegend. Leider ist hier sonst nichts.

Aussicht vom Hostel

Ein längerer Spaziergang führt uns zu einem Einkaufszentrum, wo wir ein letztes mal in einem Chinarestaurant ordentlich futtern. Zum Nachtisch gibt es Espresso und Softeis. Auf dem Heimweg schaffen wir es noch, drei Geocaches zu bergen. Dann heißt es fertig für die Nacht machen, denn morgen geht es endgültig in die Pampa. Dafür müssen wir kurz vor 6 Uhr aufstehen.

31. Juli 2015 – Tag 1

Wir haben das Zelt an einem See aufgebaut. Um uns herum ist überall Kuschel-Baumwolle, bis eben war es noch angenehm warm.

Kuschelbaumwolle

Es ist dafür warm im Bauch nach dem Essen. Es ist kurz vor 19:00 Uhr – wir gehen schlafen, wir haben einen sehr anstrengenden Tag hinter uns.

Um 6 Uhr morgens sind wir aufgestanden, um mit dem Bus zum Flughafen zu fahren. Wir konnten ohne Probleme einchecken. Ein Problem gab es allerdings dann doch: wir bekommen keine Plätze nebeneinander. Wir sitzen zunächst 10 Reihen auseinander und während andere einsteigen schaue ich nervös nach einer Möglichkeit, neben Natascha zu sitzen. Ein junger Mann ist ohne Probleme bereit, seinen Platz mit mir zu tauschen.
Der Flug mit Air Greenland ist sehr sehr angenehm. Die Stewardessen sind sehr freundlich es gibt ohne Ende Getränke und Essen. Natascha ist sogar einigermaßen ruhig.

In Grönland scheint die Sonne. Karge Landschaft erwartet uns: Sand. Keine Bäume. Eine Landebahn und ein kleines Gebäude dienen als Flughafen.

Greenland 2015 - Arctic Cirlce Trail
Kangerlussuaq

Kaum gelandet, mache ich mich auf die Suche nach Gaskartuschen. Solange das nicht erledigt ist, finde ich keine Ruhe. Im Einkaufsladen finde ich Stechkartuschen vor. Das ist der einzige Laden weit und breit und mein Kocher benötigt Schraubkartuschen. Ich renne rum und so langsam habe ich Panik, dass wir hier nichts brennbares finden. In der Nähe befindet sich eine Möglichkeit zum Zelten und dort finde ich einen kleinen Laden, der noch Schraubkartuschen zu bieten hat. Wir kaufen die letzten Exemplare. Damit haben wir uns mit Brennstoff eingedeckt und ich beruhige mich sofort. Wir essen eine Kleinigkeit in der Sonne und kaufen Wasser. Es kann losgehen.

Die meisten Reiseführer raten, die ersten 10 bis 15 km zu trampen. Wir entscheiden uns dagegen und laufen los. Die Strecke besteht aus einer Schotterpiste, und wir kommen uns vor wie in einer Wüstenlandschaft.

Der staubige Weg nach Kellyville

Hin- und wieder machen wir Pause und müssen uns bewusst machen, dass wir gerade auf Grönland sind: 200km über dem Nordpolarkreis. Hinter uns in der Ferne sieht man die Wand aus Eis: das Inlandseis. Wir haben uns gegen einen Besuch entschieden, um mehr Zeit für die Wanderung zu haben.

Je später der Tag umso mehr merken wir unsere Rucksäcke. Ich habe ca 25kg auf dem Rücken, Nat wird bei 19 kg (Anmerkung von Nat: 22 kg waren es sicherlich!) liegen. Es wird anstrengend. Die Beckenknochen und Füße leiden. Langsam geht uns das Wasser zu neige, laut Karte sind wir von Seen umgeben. Alles ist ausgetrocknet. Wir schleppen uns voran.
Wir spielen schon mit dem Gedanken, das Zelt einfach am Weg aufzustellen. Da hält ein junger Mann an und will uns mitzunehmen. Wir lassen uns nicht zweimal bitten und hüpfen ins Auto. Wir sind fertig mit der Welt. Er bringt uns bis nach Kellyville – hier wird es grün. Ein krasser Gegensatz zur staubigen Straße.

Kurz nach Kellyville

Wir laufen 10 Minuten durch eine grüne Landschaft und können unser Zelt direkt an einem See aufbauen. Wir ziehen die Schuhe aus und laufen im eiskalten See herum. Wir essen. Und wir können es noch immer nicht fassen, wo wir gelandet sind.

Kellyville

Die erste Nacht auf Grönland. Ich krieche in meinen Schlafsack und schlafe sofort ein. Es ist hell und Natascha kann nicht schlafen. Hauptsächlich, weil Wanderer oder Jäger vorbei laufen.

Ich werde zwar immer wieder wach, bekomme aber nichts mit.

1. August 2015 – Tag 2

Seit 5 Uhr morgens bin ich wach. Es ist eiskalt. Meine Füße frieren. Nachdem ich den Schlafsack komplett zu gemacht habe, wird es besser. Wir sind erschöpft, kaputt. Wir lassen es ruhig angehen und bleiben bis Mittag im Zelt.

Steinmännchen

Dann laufen wir los. Die Sonne heizt ordentlich ein und es wird wieder sehr warm. Wir kommen an vielen kristallklaren Seen vorbei. Es ist grandios. Und wir schuften. Alles tut weh. Uns kommen Wanderer entgegen, die in einem recht flotten Tempo unterwegs sind. Sie sind seit sechs Tagen unterwegs. Nat und ich schauen uns an – wir machen uns Sorgen, dass wir es in 15 Tagen nicht schaffen.
Aus einem kurzen Tag wird ein langer. Um 17 Uhr finden wir einen schönen Platz am See, wo wir das Zelt aufbauen und uns ausruhen. Ich hole Wasser zum Kochen, es schmeckt leicht salzig.

Greenland 2015 - Arctic Cirlce Trail
Salzwasser

Zwar nur ein wenig, aber gerade so, dass man es merkt. Wir kochen uns eine Suppe, die extrem salzig schmeckt. Jetzt erinnere ich mich auch an den Eintrag im Reiseführer. Hier können wir nicht bleiben und bauen alles wieder zusammen. Weiter geht es.

Greenland 2015 - Arctic Cirlce Trail
Wüste

Zwei Kilometer später finden wir einen neuen Platz an einem schönen See. Alles wirkt wie auf einer Postkarte. Und die Ruhe. Manchmal hören wir nichts. Und ich meine wirklich nichts. Mein Trommelfell scheint sich nach außen zu beulen – so ruhig ist das hier.

Greenland 2015 - Arctic Cirlce Trail
Tagebuch

2. August 2015 – Tag 3

Ich bin seit 6 Uhr wach. Kein Wunder, ich habe um 21 Uhr die Augen zugemacht. Ich krieche aus dem Zelt und erkunde unser Tal. Mir tut alles weh, aber das laufen hilft. Diese Stille. Wasser, Sonne, unser Zelt.

Blaubären

Ich sammle Blaubeeren für unser Frühstück, steche mit meinem Taschenmesser ein Loch in meinen Gürtel und lese bis Natascha aus dem Zelt kriecht.

Greenland 2015 - Arctic Cirlce Trail
Morgens vor dem Zelt

Wir sind heute flotter unterwegs. Ich habe ein wenig umgepackt und Nat Essen abgenommen. Ich gewöhne mich an das Gewicht und meine blutige Hüfte meckert auch nicht mehr bei jedem Schritt.
Wir wandern durch grandiose Gegenden – mir fehlen die Worte, um die prachtvolle Landschaft beschreiben zu können. Grünland ist grün und warm – zumindest in dieser Jahreszeit.

Hügelig

Quarlissuit I

die Crew

Greenland 2015 - Arctic Cirlce Trail
Rentier im Manne

Wir machen viele Pausen, mampfen Pemmikan und kochen unterwegs eine Suppe. Bei dem warmen Wetter können wir unsere verschwitzen Shirts in der Sonne trocknen lassen.

Greenland 2015 - Arctic Cirlce Trail
Wäschestrauch

Den ganzen Tag haben wir keinen einzigen Menschen getroffen. Dafür hat uns von weitem ein Rentier beobachtet.
Abends geht es wieder los: die Schlafplatzsuche. Wir haben kein Wasser mehr, also müssen wir noch ein wenig weiter laufen. Wir sind müde, wollen eigentlich sofort halten. Zunächst haben wir einen Platz direkt an einem See, der sehr windig ist. Dann finde ich einen Platz mit einer grandiosen Aussicht über einem See. Die Sonne geht gerade unter, es sieht toll aus.

Quarlissuit II

Leider ist es hier sehr schräg und ich habe Bedenken, dass etwas am Zelt reißt. Also wieder weiter suchen. Wir klettern runter und zelten dann direkt am See.

Quarlissuit III

3. August 2015 – Tag 4

Wir sind erschöpft und lassen es auch heute langsam angehen. Wobei, ich würde sofort weiter stapfen und muss mich selbst bremsen. Und dazu brauche ich Geduld. Während ich mich in Geduld haben übe, sammle ich Blaubären für unser Müsli. Es gibt Massen davon.

Greenland 2015 - Arctic Cirlce Trail
Blaubären

Beim Aufbruch lese ich die Karte falsch. Auch wenn wir weder Kompass noch Karte benötigen, schaue ich immer mal wieder auf die Karte, um mich zu orientieren. Solange das Wetter gut ist und wir die Steinmännchen sehen, können wir uns nicht verlaufen.

Greenland 2015 - Arctic Cirlce Trail
Orientierung in Grönland

Wir verlassen den See Quarlissuit und sehen von weitem die Hütte am riesigen See Amitorsuaq. Am Ufer des Sees kann man wohl Kanus finden, mit denen man den Wanderweg abkürzen bzw. abwechslungsreicher gestalten kann. Wir hoffen natürlich, ein Kanu zu finden.

Greenland 2015 - Arctic Cirlce Trail
Amitorsuaq

An der Hütte bewegen sich Menschen. Wir steigen ab und begrüßen die anderen Wanderer, die ebenfalls mit uns im Flieger saßen. Wir ernähren uns zwar noch nicht lange von Fertignahrung, aber beim Anblick des Käsebrotes von einem der Wanderer läuft mir (Nat) das Wasser im Mund zusammen und ich spiele kurz mit dem Gedanken zu fragen, ob es ok wäre, wenn ich einmal abbeißen würde… Ich entscheide mich dagegen, wir schauen uns die Hütte an und lassen Streichhölzer mitgehen. Dann geht es nach einem kleinen Snack (aus unseren Vorräten) am See weiter. Natürlich finden wir keine Kanus. Alle haben diese Hoffnung.

Heute scheint keine Sonne, aber das ist gut, wir müssen über viele Steine steigen und sogar klettern und schwitzen ordentlich.

Jetzt machen wir eine längere Pause. Nat döst. Sie hatte Hunger (und träumt immer noch vom Käsebrot) und uns beiden fehlen die Kräfte. Wir haben Riegel, Schokolade, Pemmikan, Shortbread etc. Aber der Körper braucht mehr. Gerade zum Frühstück fehlt es anscheinend an Energie.

Die Truppe überholt uns und wir machen uns bereit für weitere Klettereinlagen: Ein ganzer Berg ist eingestürzt. Felsen liegen auf dem Weg. Anstrengend aber auch spannend.

Greenland 2015 - Arctic Cirlce Trail
Einsturz
Greenland 2015 - Arctic Cirlce Trail
Nat klettert

Wir treffen ein deutsches Pärchen, Melanie und Stefan, die mit uns zusammen Tee trinken. Sie ziehen weiter und wir kurze Zeit hinterher.

Der riesige See ist eine Augenweide. Grandios.

Greenland 2015 - Arctic Cirlce Trail
Rückblick auf den Amitorsuaq

Wir steuern einen offiziellen Zeltplatz an. Von weitem sehen wir aber, dass dort bereits Zelte stehen. Nat möchte alleine Zelten, mir ist das egal. Wir finden keine passende Stelle, und da wir aber dank Schoki und Pemmikan noch Power haben, wandern wir weiter. 1,5 Stunden später sind wir da. Kaputt, erschöpft. Aber glücklich.

Abendessen, Zelt aufbauen, Standard. Diesmal gehört eine Landzunge uns allein. Heute gibt es zur Abwechslung Nudeln mit Pilzsauce. Für mich ist das zu wenig Essen. Dafür gibt es noch Nachtisch.

Abendessen

Wir machen ein kleines Lagerfeuer.

Greenland 2015 - Arctic Cirlce Trail
Lagerfeuer

Es ist nach 22 Uhr – dafür ist es hell. Spät nachts dämmert es, aber zum lesen reicht auch das. Wir sehen tatsächlich jemanden im Kanu. Ganz allein, mitten auf dem See, er rudert vor sich hin. Wir winken und sind ein wenig neidisch. Er winkt zurück.

Bisher vermissen wir nichts und werden täglich belohnt. Und danken Basti für diese grandiose Idee.

Als wir in die Schlafsäcke kriechen kommt auch schon der Regen.

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